Der Mensch zwischen Gruppe und Ich:
Familien-Systemik und IndividualSystemik
von Artho Wittemann
Nicht nur von der Familie, der Sippe, der Gruppe, dem Team oder dem Land, sondern auch vom Einzelnen, soll hier die Rede sein - obwohl wir wissen, dass es den Einzelnen nur als Teil eines Größeren gibt.
Wenn wir die Person aus dem Umfeld der Systeme, in das sie eingebettet ist herausnehmen - wir tun auf jeden Fall zumindest einmal so, als könnten wir das - fällt uns sofort auf, dass dieser Einzelne nicht nur Eines ist, nicht homogen und nur aus einem Stoff gemacht. Nein! Der Einzelne ist in sich genau so gegensätzlich: In sich widersprüchlich wie seine Ursprungsfamilie, komplex wie sein Gegenwartssystem und heterogen wie das Team in dem er arbeitet.
Finden wir in seiner Ursprungsfamilie eine liebevolle, aber irgendwie bedrückte Mutter, einen Vater, den es wegzieht aus dem Leben und eine rebellische Schwester, die keine Ruhe findet, kennt der Einzelne all dies auch in sich - möglicherweise in unterschiedlicher Gewichtung. Er kennt eine ähnliche Bedrücktheit, fühlt sich immer wieder fremd im Leben und ist wiederholt sehr unzufrieden mit den Gegebenheiten. Ausserdem kennt er jedoch noch ganz andere Impulse, die ihn unterscheiden von den anderen Familienmitgliedern.
Doch wie sollen wir uns das Zusammenspiel des Einzelnen mit dem System vorstellen? Ist er ganz das Produkt der unterschiedlichen, auf ihn einwirkenden Systeme aus Ursprungsfamilie und Ahnenreihe, dem Gegenwartssystem, den verschiedenen Gruppen, dem Land, der Religion und der Kultur, der er angehört? Ist seine Individualität lediglich das Ergebnis sich überlagernder, gegenseitig durchdringender und bedingender Felder von fremden, eigentlich äusseren Kräften, oder gibt es etwas ganz Eigenes und wenn ja, wie organisiert sich dieses Eigene in ihm, so daß er als das erscheint, was er ist: Ein Individuum, eingebunden in ein Größeres?
Wenn man sich gleichzeitig mit Familiensystemik und Individual-Psychologie beschäftigt, tauchen eben diese Fragen auf. Ich werde sie sicher nicht erschöpfend beantworten können, doch möchte ich gerne einen Beitrag zu ihrem Verständnis leisten, indem ich von meiner Arbeit mit Einzelnen und von der Methode der IndividualSystemik die ich dabei anwende, berichte.
Die Individualsystemik hat sich aus der Voice-Dialogue-Methode, einem Verfahren, das wiederum von der Gestalt-Therapie, der Psychosynthese und der Jungianischen Analyse beeinflußt ist, entwickelt. Voice Dialogue wurde Anfang der siebziger Jahre von Dr. Hal und Dr. Sidra Stone, einem amerikanischen Psychologen-Ehepaar, entwickelt. Sie fanden heraus - zunächst eher zufällig - daß man die verschiedenen Anteile der individuellen Psyche wie eigenständige Personen ansprechen und kennenlernen kann, wenn man nur ihren „richtigen“ Platz im Raum findet.
Klagte zum Beispiel ein Klient über ein nie nachlassendes Gefühl inneren Getriebenseins, so baten sie ihn, nachzuspüren, wo im Raum sich die „Person“ befände, die ihn antreibt - als ob sie nicht in ihm wäre. Auf diese Frage erhielten sie überraschend klare Antworten: „Ich glaube, der steht genau hinter mir!“, könnte der Klient zum Beispiel sagen. Noch überraschender war die Verwandlung, die stattfand, wenn sich der Klient nun selbst auf den Platz stellte, den er vorher als den Platz des Antreibers identifiziert hatte: Der Klient wurde buchstäblich zu diesem Antreiber, und konnte nach kurzer Zeit sich selbst und sein Leben, ganz durch die Augen dieses Antreibers sehen und beschreiben.
Dieses Prinzip des „wissenden Feldes“ ist uns aus den Systemaufstellungen vertraut und ist nur eine der merkwürdigen Ähnlichkeiten, die man zwischen den beiden Ansätzen findet. Ich möchte diese Ähnlichkeiten im Folgenden näher beschreiben. Drei Punkte sind es, die dabei besonders ins Auge fallen:
1. Das „wissende Feld“
Das Phänomen des wissenden Feldes ist die Grundlage systemischer Aufstellungen - ganz gleich, ob ich Familiensysteme, Organisationssysteme oder individuelle, innerpsychische Systeme aufstelle.
Die familiensystemische Aufstellung kann ihre Wirksamkeit und Kraft entfalten, wenn die Stellvertreter mit innerer Sammlung und Achtsamkeit gestellt werden.
Genauso in der individualsystemischen Arbeit: Der „richtige“ Platz für eine Innere Person läßt sich mit achtsamem Spüren finden. Ein merkwürdiges Phänomen unterstützt uns dabei. Menschen, die über sich selbst sprechen, begleiten ihre Worte meist mit Gesten: Sie deuten vor sich, auf die Seite oder hinter sich - und zeigen dabei, ohne es zu ahnen, auf die Plätze der Inneren Personen, die am jeweiligen Thema beteiligt sind.
Zum Beispiel könnte jemand sagen: „ Ich fühle mich traurig.“ Bei diesen Worten deutet die Person, ohne dass sie es selbst bewusst wahrnimmt, rechts neben sich auf den Boden. „Aber,“ fügt sie etwas kraftvoller hinzu, „irgendwie werde ich es schon schaffen!“ Jetzt vollführt ihr linker Arm eine Bewegung nach oben und ihre Hand deutet nach links hinten. In der anschließenden Arbeit wählt sie genau diese Plätze: Rechts neben ihr kauert ein entmutigtes kleines Kind auf dem Boden; links hinter ihr steht eine kraftvolle Person, die ihr schon aus vielen schwierigen Situationen herausgeholfen hat.
Viele Menschen, die in einer Familienaufstellung an den Platz eines Familienmitgliedes gestellt wurden, sind erstaunt, dass sie etwas spüren oder „wissen“ können, das zu einer völlig fremden Person gehört.
Vielleicht genauso erstaunlich ist es, wenn wir einer Inneren Person begegnen, die zwar schon lange Zeit unser Leben bestimmt, von der wir aber gar nichts wußten und die uns nun, da sie einmal Gelegenheit dazu hat, Dinge über sich erzählt, die unserem normalen Bewußtsein völlig verborgen waren.
Zum Beispiel erzählt ein Klient von seiner Unfähigkeit, tieferen emotionalen Kontakt zu anderen Menschen zu finden - egal wie sehr er bemüht ist, sich zu öffnen. Nachdem er sich auf dem „richtigen“ Platz, rechts neben sich, befindet, treffen wir eine Innere Person, die vor langer Zeit beschlossen hat, ihn vor eben solchen Kontakten zu schützen. Diese Innere Person wirkt - ganz im Gegensatz zum Klienten, der einen etwas schüchternen Eindruck macht - enorm selbstbewusst, mächtig und zufrieden. Sie freut sich, daß es ihr gelingt, niemanden näher heranzulassen. Die Einsamkeit, die der Klient empfindet, scheint sie kalt zu lassen.
Hier kommen wir zum zweiten Punkt der Ähnlichkeiten:
2. Liebe
Wie oft in Familienaufstellungen, so ist auch in der Individualsystemik erst einmal gar nicht erkennbar, warum jemand auf bestimmte Weise handelt, ja mancher, der am System Beteiligten, wirkt auf den ersten Blick nur „böse“. Der mächtige Wächter in unserem Beispiel freut sich über die Sicherheit, die er der Person bringt, ihre Einsamkeit rührt ihn nicht. Wir dürfen uns jedoch von dem, was wir an der Oberfläche sehen, nicht täuschen lassen.
Trotzdem versuchen wir nicht, den Wächter zu ändern. Wir wollen ihn nur tiefer verstehen. Dazu verweilen wir mit ihm. Sprache ist dabei nur eines unserer Kommunikationsmittel. Wichtiger ist die energetische Verbindung, die wir zu ihm halten, und die uns immer tiefer in seine Realität führt. Wir merken, wie der Wächter nachdenklicher wird, wie er sich seiner Wirkung auf das Leben der Person besinnt, zu der er gehört. Dann auf einmal überkommt ihn Traurigkeit und ein tiefes Gefühl von Liebe: „Ich mußte ihn doch beschützen!“ sagt er unter Tränen,“er war ja so alleine!“
Die Liebe, die da aufscheint und ihn überwältigt, verwandelt ihn: Er kann entspannen und seinen absoluten Anspruch aufgeben - denn seine wirkliche Absicht ist deutlich geworden.
Der Wächter nimmt nun einen Platz im System ein, der ihm gemäß ist: Nicht mehr der mächtige, alles bestimmende Kontrolleur, sondern ein besorgter, in bestimmten Fällen auch durchaus berechtigter Beschützer.
Diese grundlegende Liebe zum System treffen wir in allen Inneren Personen. Besonders in jenen, die für unsere inneren Kinder Sorge tragen. Aber ebenso tragen die inneren Kinder die gleiche bedingungslose Liebe zu den Eltern, Geschwistern und den anderen Mitgliedern im System der Ursprungsfamilie.
3. Ordnungen
Genau wie ein Familiensystem, gerät auch das System der Inneren Personen leicht in Unordnung. In lebendigen Systemen ist Unordnung ein natürliches Phänomen. Lebendige Systeme befinden sich ständig im Spannungsfeld zwischen Selbst-Behauptung und Hingabe: Das kleinere System (hier: das Individuum) braucht das größere System (hier: die Familie), und es kann nur gedeihen, wenn es einen guten Platz darin hat. Gleichzeitig wird sich das kleinere System instinktiv gegen Angriffe schützen, denn wenn es nicht gesund überlebt, existiert bald auch das größere System nicht mehr.
Überwiegt nun einer der beiden Pole - Selbst-Behauptung oder Hingabe - auf Kosten des anderen, kommt es zu Unordnung, die nach Ausgleich drängt.
Die Unordnung ist also Ausdruck einer einseitigen „Lösung“ auf Kosten entweder des kleineren oder des größeren Systems, und diese Einseitigkeit schafft neue Probleme.
Die gleiche Dynamik finden wir im System der individuellen Psyche. Wir können das am einfachen Beispiel des Wächters sehen. Das kleinere System (hier: der Wächter) ist instinktiv zu stark geworden und schafft damit, ohne es zu wollen, neue Probleme für das größere System (hier: die ganze Person). Das kleinere System hat vergessen, dass es nur Teil ist und handelt autonom. Und das größere System hat vergessen, wie es dem kleineren geht.
Wenn wir die Ursache für die Unordnung nicht finden, so liegt das meist daran, daß wir das Ganze nicht sehen können: nur Weniges ist sichtbar und Vieles bleibt im Dunkeln. Daher ist das, was wir sehen, nicht verständlich. Es wird mißgedeutet, und wir versuchen, es zu verändern, ohne die tiefere Intelligenz zu verstehen, die sich in der Unordnung ausdrückt. Denn die Unordnung ist ja die Lösung für ein Problem, das vergessen wurde.
In dem Moment, da wir aufhören verändern zu wollen, sondern das Größere ans Licht bringen und es anschauen, können wir sehen, worauf uns die Unordnung aufmerksam machen will und auf diesem Weg eine Lösung finden.
In dem Moment, da die Person die Liebe des Wächters zu dem inneren Kind spürt, kann der Wächter entspannen und sich wieder ins Ganze einfügen.
In jedem System gibt es eine Ordnung, die für alle Beteiligten gemäß (angemessen) ist, und die, wenn sie gefühlt und verstanden ist, Frieden und Leichtigkeit bringt.
Der Mensch als System im System
Wenn man sich eine Weile mit dem System der Inneren Personen beschäftigt hat, wird einem ganz klar, daß dieses System nicht identisch ist mit dem Familiensystem. Wir treffen eben nicht die Mutter, den Vater, die Geschwister oder die Ahnen. Auch würde ich zögern, diese Gruppe als „innere Familie“ zu bezeichnen, denn das würde eher eine Einschränkung auf bestimmte Beziehungsmuster, wie wir sie vor allem in der Familie finden, bedeuten. Zutreffender erscheint mir diese aus einem Brief von Novalis unterschiedlichster Gestalten an, die auf erstaunlich eigenständige Art und Weise in uns leben, und von denen wir nur die wenigsten wirklich kennen.
Wie aber verhält sich nun das System der Inneren Personen zu den größeren Systemen, in die es eingebettet ist. Vor allem wie verhält es sich zum System der Ursprungsfamilie? Diese Frage war ja der Ausgangspunkt unserer Überlegungen.
Ich habe die Inneren Personen als „erstaunlich eigenständig“ bezeichnet, und meine damit das große Maß an Autonomie, das sie in uns haben. Selbst das, was ich als „meinen Willen“ bezeichne, ist ja nichts anderes als der Wille einer bestimmten Gruppe von Inneren Personen, die sich irgendwie gegen die andern, mit vielleicht gegensätzlicher Meinung, durchsetzen konnte.
Das bedeutet aber nicht, daß die Inneren Personen unabhängig wären von den Einflüßen des Familiensystems oder anderer größerer Systeme. Ganz im Gegenteil: Wenn sie denn in uns existieren, als Organisationsprinzip unserer Innenwelt, dann müssen sie auch die ausführenden Kräfte sein, die unseren Platz im Familiensystem halten und weitertragen - selbst wenn es Unordnung und Leid für das Individuum bedeutet. Es sind also die Inneren Personen selbst, die versuchen, das Spannungsfeld zwischen Selbst-Behauptung und der Hingabe an das größere System zu überbrücken.
Wie machen sie das?
Durch Arbeitsteilung. Manche sind dem Familiensystem verpflichtet, und würden alles geben, selbst das Leben, um die Zugehörigkeit nicht zu verlieren oder um einen Ausgleich im System zu erreichen.
Andere aber haben nur das Überleben und das Wohlergehen des Individuums im Blick. Sie tun alles, was in ihrer Macht steht, um das ursprüngliche Wesen zu schützen; zur Not verzichten sie sogar auf die Zugehörigkeit zum Familiensystem, und - wiederum - auf das Leben. Sie stehen im direkten Bezug zur subjektiv erlebten Geschichte des Menschen und können persönlich erfahrenes Leid nur schwer vergessen. Sie hüten die individuelle, die „kleine“ Seele.
Ich möchte diese Aussagen mit zwei Beispielen illustrieren:
Eine Frau kommt zu Einzelberatung. Sie hat einen Beruf, bei dem sie viel im öffentlichen Rampenlicht steht und Erfolg hat. Innerlich fühlt sie sich aber unsicher und minderwertig, „ein Nichts“, wie sie sagt. Ihr Vater ist der Abkömmling eines einst mächtigen Adelsgeschlechtes. Wir arbeiten zunächst mit den Inneren Personen, die zu ihrem Erfolg im Beruf beitragen, und sich räumlich vor ihr aufhalten. Dabei fällt auf, daß ihr anfänglicher Enthusiasmus ab einem bestimmten Grad von Intensität plötzlich absackt, als drehe ihnen jemand den Hahn zu. Diese Dynamik kennt sie auch aus dem Alltag.
Auf der Suche nach dem Verursacher dieses Phänomens nimmt sie einen Platz zwei Meter hinter ihrem Stuhl ein. Da steht mir unvermittelt eine königliche Gestalt gegenüber, deren Präsenz mich sofort in eine ehrfurchtsvolle innere Haltung zwingt: Es ist eine männliche Instanz, die das Erbe des Vaters weiterträgt. Sie verurteilt die Frau für ihren „unwürdigen“ Beruf, und erlaubt ihr gerade mal die nötigsten Bewegungen, und macht ihr immer wieder klar, daß sie so nicht zum Reich des Vaters gehören kann. Kein Wunder fühlt sie sich oft so unwert.
Nach unserer Arbeit hat sich ihr Verhältnis zu dieser Kraft völlig gewandelt: Sie weiß zum ersten Mal, daß sie die Macht und Würde ihrer Vorfahren in sich trägt. Sie hat die Verbundenheit mit dem Vater und seiner Sippe tief empfunden. Und ihr ist klar, dass sie diese Energie nicht länger ignorieren kann, sondern ihr in ihrem Innern und in ihrem Leben einen guten Platz geben muß. Erleichtert geht sie nach Hause.
Bei der nächsten Sitzung erzählt sie mir, dass es ihr einige Tage sehr gut ging, sich mit der Zeit aber immer mehr Spannung in ihr aufbaute und sie so sehr in Unruhe versetzte, dass sie die letzten Nächte nicht schlafen konnte. Ich nehme durch ihre Aussagen an, dass sich eine andere Innere Person zu Wort melden will, die irgendetwas mit der letzten Sitzung zu tun hat. Wir machen einen Platz ca. drei Meter rechts hinter ihrem Stuhl aus. Als sie sich dort einfindet, wird es sehr still und ernst. Eine machtvolle männliche Person blickt mich an, abschätzig, kalt, verschlossen und unbeweglich. Es kommt mir vor, als würde ich vor einer riesigen, undurchdringlichen Wand stehen. Ich kann nichts anderes tun, als mich dieser Wand auszusetzen, wissend, dass sie mir überlegen ist und mein Wollen hier keinerlei Bedeutung hat, dass diese schweigende Begegnung aber helfen kann, Licht in die Sache zu bringen.
Als wir anschließend über diese Begegnung sprechen, erzählt die Klienten, dass sie zum erstenmal erlebt hat, dass es in ihr eine absolute Grenze gibt, die sich durch nichts und niemanden beeindrucken und erschüttern läßt. Alles was sich - räumlich gesehen - vor ihr abspielt, ist bedeutungslos und unwichtig für sie.
Im Laufe unserer Arbeit finden wir eine weitere Innere Person, hinter dieser Mauer, die wie ein heimlicher Herrscher die seelenhaften Räume ihrer Psyche hütet. Er weiß um das persönliche Leid, das dem kleinen Wesen schon zugefügt wurde und beobachtet die Welt und die Menschen mit Mißtrauen und Verachtung. Alles was vor ihm ist, ignoriert er, selbst das System der Herkunftsfamilie. Die Anbindung, die in der Sitzung zuvor geschehen war, alamiert ihn. Als die Klientin mit dem zarten, empfindsamen und seelenhaften Wesen in Kontakt kommt, das dieser Herrscher so machtvoll und absolut beschützt, entspannt sie sich.
Jetzt ist es ihr möglich, beides zu sehen und anzunehmen: die Inneren Personen, die mit Macht und Liebe nur auf sie schauen, und die Inneren Personen, die sich mit dem Erbe, der Kraft und der Liebe der Sippe verbunden fühlen. Die Trennungslinien zwischen beiden Systemen werden weicher, verschwimmen.
Noch ein Beispiel: Eine andere Frau leidet seit vielen Jahren an ihrer Rolle in der Arbeitswelt. Sie fühlt sich ausgenutzt und dabei heimlich allen überlegen. Niemand - vor allem Männer - scheint ihre Qualitäten zu erkennen und angemessen zu belohnen. Wir treffen, nach einiger Vorarbeit, eine Matriarchin in ihr. Sie ist mächtig, zornig und überheblich gegen die Männer. Ich schlage ihr den Satz vor: „Ich muß es ganz alleine tragen!“ Das stimmt sie traurig. Dann sagt sie aus eigenem Impuls, an einen imaginären Mann gewandt: “Zusammen könnte wir es so gut meistern!“ und ihr Schmerz löst sich in Tränen. Dann wird sie ganz ruhig. Später, in einer Aufstellung, findet sie heraus, daß ihre Tante früh ihren Mann verlor und die Kinder in schwerer Zeit alleine großzog.
All diese Inneren Personen sind Teile einer individuellen Psyche, auch die, die für die Zugehörigkeit zur Sippe stehen. Die königliche Gestalt aus dem Reich des Vaters würde nicht sagen: „Ich bin ihr Vater.“ Er sagt: „Ich bin mit ihrem Vater und seiner Sippe verbunden.“ Die Matriarchin sagt nicht: „Ich bin ihre Tante“. Sie empfindet wie die Tante und hat doch das eindeutige Gefühl, zu „ihrer“ Person zu gehören. Sie sind verbunden mit dem größeren System, sie tragen Gefühle, die den Platz der Person im Ursprungssystem spiegeln und sie gehören zum Individuum.
Nun stellt sich die Frage: Kann die eine Methode die andere ersetzen? Genügt es, die familiensystemischen Themen in Ordnung zu bringen und das individuelle System folgt ganz alleine nach?
Oder bräuchte man nur das System der Inneren Personen erkunden und könnte dabei - quasi nebenher - die familiensystemischen Fragen lösen? Wieder kann ich nur aus meiner eigenen Erfahrung antworten.
Viele familiensystemische Probleme werden in einer Aufstellung überhaupt erst sichtbar und lassen sich am leichtesten in einer Familienaufstellung lösen. Viele individuelle Probleme werden in der Familienaufstellung nicht sichtbar, und viele der Innere Personen lassen sich von einer Aufstellung nicht berühren.
Sie brauchen - genau wie die Mitglieder der Familie - die direkte Begegnung, um erkannt und in ihrer tieferen Bedeutung verstanden zu werden und um sich wieder einzufügen in das innere System.
Beide Ansätze - in wechselseitiger Verbindung - haben sich als enorm segensreich erwiesen, um uns Menschen mit dem großen Reichtum zu versöhnen, der uns umgibt - innen wie außen.
Siehe dazu auch das Buch
„Die Intelligenz der Psyche“ von Artho Stefan Wittemann, Kösel Verlag, 2000
Institut für IndividualSystemik, Plixenried 29, 85250 Altomünster