Warum wir erst anfangen uns selbst zu verstehen
Die Architektur der Innenwelt
Artho S. Wittemann
2009 Kamphausen Verlag
Essay von Marcel Joller Kunz
Folgende Zitate sind dem Buch „Ego-Tunnel“ von Thomas Metzinger entnommen:
„Nach allem was wir gegenwärtig wissen, gibt es kein Ding, keine einzelne unteilbare Entität die wir selbst sind, weder im Gehirn noch in irgendeiner metaphysischen Sphäre jenseits dieser Welt. Wenn wir daher vom bewussten Erleben als einem subjektiven Phänomen sprechen, dann stellt sich die folgende Frage: Was ist eigentlich die Entität, die diese Erlebnisse hat?
In diesem Buch werde ich versuchen, Sie davon zu überzeugen, dass es so etwas wie das „Selbst“, nicht gibt.
Die neuen Naturwissenschaften vom Geist haben zwar eine Flut wichtiger Daten geliefert, aber keine theoretische Vision, kein generelles Modell, das zumindest im Prinzip all diese Daten zu einer Ganzheit integrieren könnte.
Was uns auf der Suche nach einem tieferen Verständnis unserer inneren Natur gegenwärtig am dringendsten fehlt, ist ein allererstes Gesamtbild – also der übergeordnete, allgemeinere Bezugsrahmen, mit dem wir arbeiten können.
Einer zentralen Frage müssen wir uns so direkt wie möglich stellen: Weshalb gibt es immer jemanden, der das Erlebnis hat ? Wer ist es, der Ihre Gefühle fühlt, wer genau ist es, der Ihre Träume träumt? Wer ist der Handelnde, der das Tun tut, und was ist die Entität, die ihre eigenen Gedanken denkt? Warum ist Ihre bewusste Wirklichkeit Ihre bewusste Wirklichkeit?“
aus „Der Ego-Tunnel“ von Thomas Metzinger / BerlinVerlag 2009
Der Beginn der Reise
Die einleitenden Fragestellungen Thomas Metzingers, des bekannten Neurophilosophen und Bewusstseinsforschers, in seinem 2009 erschienen Buch „der Ego-Tunnel“, könnten auch Ausgangspunkt des neuen Werkes von Artho S. Wittemann gewesen sein. Der Begründer der Individualsystemik untersucht sie aus der Sicht der Psyche und macht uns eben diesen Vorschlag, Psyche und Geist in ein Gesamtbild des Individuums einzubetten und so ein tieferes Verständnis unserer eigenen inneren Natur zu erhalten.
Doch wie wir schon aus dem Titel seines Buches erfahren, sind wir immer noch am Anfang der Reise und beginnen erst zu verstehen, wer wir überhaupt sind.
Richtungswechsel
Im Folgenden werde ich vor allem vom Buch Wittemanns ausgehen und immer wieder Gedanken aus dem Ego-Tunnel einfliessen lassen. Thomas Metzingers Buch empfehle ich allen, die sich für neue Ideen und Gedanken interessieren, welche die neurologischen Bedingungen beschreiben und für ein Bewusstsein unserer persönlichen und globalen Zukunft wichtig sein werden.
Schaut man heute auf die Welt, macht der Mensch nicht gerade den Eindruck, an der Schwelle zu einer neurologischen, geschweige denn psychologischen Revolution zu stehen. Wir werden darum, trotz der visionären und neuen Sicht in beiden Büchern, immer wieder ins Reale zurückgeholt, zurück in unser eigenes Inneres gepfiffen oder zu einem Richtungswechsel unseres Blicks aufgefordert.
Neurologie und Psychologie
Zwei Forschungsfelder, die sich in letzter Zeit diametral auseinander entwickelt haben und auch innerhalb der beiden Disziplinen laufen neuere Forschungsergebnisse den älteren Paradigmen den Rang ab. In den beiden Büchern, die 2009 fast gleichzeitig erschienen sind, finden wir viele Gemeinsamkeiten, Überschneidungen, Parallelen und erstaunliche, sich ergänzende Schluss- folgerungen. Die Autoren zeigen in ihren Geschichten und Berichten, dass sie einer umfassenden Beschreibung der Definition eines menschlichen Selbst auf der Spur sind und vor allem gelingt es jedem auf seine Art und im jeweiligen Forschungsfeld, den Anspruch des Menschen an ein stabiles und hermetisch konstantes Selbst einleuchtend in Frage zu stellen.
Ob sich die beiden Männer kennen, voneinander wissen? Ich denke nicht.
Ihr Zusammentreffen findet nur in meiner Vorstellung, in meinem Geist und meiner Psyche statt. Es ist auf jeden Fall eine wertschätzende, ungemein anregende, erfrischende und visionäre Begegnung.
Macht, Autorität und Verletzlichkeit
Im Anspruch beider Autoren geht es darum, Bewusstsein in ein System hinein zu bringen. In das der neurologischen Funktionen und in jenes der geheimnisvollen Psyche des Menschen, die sich beide durch ihre subjektive Präsenz und einer einzigartig phänomenalen und verwirrenden Ausdrucksvielfalt der objektiven Betrachtung scheinbar immer wieder mühelos entziehen können.
Die Psyche tarnt sich mit raffinierter Perfektion und vermeidet eine Offenlegung oder Verhaltensänderung mit sehr ausgeklügelten Strategien äusserst konsequent. Sie wirkt ihr in den meisten Fällen sogar sehr erfolgreich und effizient entgegen. Warum tut sie das ?
Wittemann macht uns als Antwort auf diese Frage einen Vorschlag, wie das Individuum seine machtvollen Möglichkeiten und seine innere Autorität in ein Gleichgewicht mit seiner grossen Verwundbarkeit und Verletzlichkeit bringen kann. Verletzlichkeit oder Verletzung zu schützen, ist nämlich der Hauptgrund, warum sich die Psyche auf diese Weise an der Oberfläche und in den Schichten darunter entwickelt hat. Es formten sich einzigartige, aber sich auch auffallend gleichende Konstellationen, kleine Gesellschaften und Subkulturen, in denen jeder sich auf seine Weise verhält, seine Funktionen erfüllt, seine Überzeugungen und Werte vertritt, seine biographischen Inhalte mitteilt, kurz, sein Leben lebt. Individuen eben.
„Die Intelligenz der Psyche“
Wittemann stellt uns die Psyche, wie Metzinger übrigens auch die Vorgänge im Hirn, als ein sich selbstorganisierendes System im Individuum vor. Er entwirft das Bild einer inneren Gesellschaft, deren Motive und Motivationen in der Psyche des Einzelnen von Inneren Personen gehalten und gelebt wird.
Die zentralen Fähigkeiten, die in unserem Gehirn uns selbst und die Welt entstehen lassen, und das menschliche Fühlen, Denken und Verhalten, das sich mit diesen Fähigkeiten in unserer psychischen Innenwelt widerspiegelt, formen ein sich gegenseitig verstärkendes System, das an Komplexität seiner Inhalte, seiner Bewegungen, und seines Ausdrucks seinesgleichen sucht.
Es ist erstaunlich, wie es dieser intelligenten Psyche („Die Intelligenz der Psyche“ Wie wir ihrer verborgenen Ordnung auf die Spur kommen, Stefan A. Wittemann, 2000, Kösel Verlag) immer wieder gelingt, sich in den menschlichen Existenzfeldern neue Strategien zurechtzulegen. Sei es im männlichen Macht-, Konkurrenz und Karriere-, im umsorgt-kindlichen, manchmal infantilen, im weiblich-umsorgenden, bezogenen Miteinander, im instinktiv-aggressiven Überlebens- und Hauruck-Modus, oder im Rahmen der spirituellen Ausrichtung einer Wellness- oder Gelassenheitslösung. In jedem Fall scheint es vielen Menschen immer noch wohler zu sein, das Entweder-Oder einem Sowohl-Als-Auch vorzuziehen. Wittemann macht uns in vielfältigen, sich durch sein Buch entfaltenden Geschichten klar, dass er diese Welt durchschaut hat und das Individuum so sieht, wie es ist.
Liebe und Ethik
Die Ethik bei Metzinger ist die Liebe bei Wittemann. Diese beiden Kräfte sollen die essentielle Würde des Menschen zentral und konsequent ausmachen, erhalten und vertreten.
Die Ethik, deren Aufgabe und Appell es sein muss, unsere sich uns immer mehr entfremdende und immer gewalttätiger und selbstzerstörerischer werdende Existenz in Schach zu halten.
Die Liebe, die das unglaubliche Potential an Lebenskraft und Selbst-Wirksamkeit die ein einziges Individuum in sich birgt, beschreibt, ehrt und bewahrt, und die es im Grunde auch mit allen anderen Lebewesen teilt.
In uns sind Viele - IndividualSystemik
In uns existieren aber Selbste, die behaupten, dass es nur sie allein gibt. Verschiedenste Selbste die auftauchen und wieder verschwinden. Solche deren Verhalten uns seltsam fremd vorkommt, oder andere, die in verschwiegener Anonymität unerkannt, ihre einsame und isolierte, doch überaus machtvolle Existenz leben.
Das Zusammenleben der verschiedensten „Selbste“ in unserer Welt im Innen wahrzunehmen, sie kennen zu lernen und zu untersuchen, ist die Aufgabe der systemischen Arbeit mit Inneren Personen, die das individualsystemische Konzept von Artho Witteman beschreibt. Wittemann, der zusammen mit seiner Frau Veeta die letzten zwanzig Jahre geforscht und entwickelt hat, ist aus seinen Erfahrungen heraus überzeugt, mit der Individualsystemik eine geeignete Beschreibung und ein stringentes Bild entworfen zu haben, welches die Struktur und die Bewegungen der menschlichen Psyche schlüssig und auch umfassend erklären kann.
Quellentheorie und Strukturmodell
Damit wir die Psyche besser verstehen können, macht Wittemann uns also den Vorschlag, sie als vielgestaltig anzuschauen. Parallel zur komplexen Einführung in die Sicht der Individualsystemik, untersucht er konstruktiv und mit der nötigen Schärfe, sich erratisch behauptende und neueren Erkenntnissen hartnäckig sich entgegenstellende Paradigmen der Psychologie.
Mit verschiedenen, sich durch das Buch ziehenden Fallbeispielen aus seiner Praxisarbeit, gelingt es ihm aufzuzeigen, dass die Strukturen der Psyche, von denen heute immer noch ausgegangen wird, überholt sind. Er löst sie auf, wandelt sie um und lässt sie in zeitgemässere Formen fliessen, ohne sie pulverisieren und zerstören zu müssen. Die Wertschätzung und der Respekt für Pioniere wie Sigmund Freud, C.G.Jung, Roberto Assagioli, oder auch für seine ehemaligen Mentoren, Hal und Sidra Stone, die Begründer des Voice-Dialogue, bleiben dabei aber immer spürbar.
Seine von ihm und seiner Frau entwickelte Quellentheorie der Psyche, dient als Basis zum Verstehen der Bewegungen in den Existenzfeldern des Individuums, und mündet folgerichtig in ein neues Strukturmodell der Psyche. Wittemanns Untersuchungen bilden ein fundiertes Pendant zu jenen der Bewusstseins-Forschung und erlauben so einen tiefergehenden Diskurs mit anderen psychologischen Schulen und der Neurowissenschaft auf Augenhöhe.
Die verbindende Gesamtschau
Wittemann schafft in seiner verbindenden Gesamtschau einen neuen Zusammenhang zwischen der konventionellen Aufteilung Körper, Seele, Psyche und Geist, und den bestehenden Existenzfeldern des Individuums. Er unterscheidet die Haltungen, die die Inneren Personen in diesen Feldern einnehmen, je nachdem aus welchem „Kontinent“ sie stammen, oder ob sich mehr aus der Tiefe (aus der Essenz) oder an der Oberfläche (in Reaktion) bewegen.
Weiter wird mit fünf unbedingt zusammenhängenden Kommunikationskanälen gearbeitet, die die Psyche, und mit ihr jede innere Person, jeden Augenblick für ihren Ausdruck benutzt: Körper, Gefühle, Denken und Sprache, Symbole und Bilder, Energie und Schwingung.
Die Methode der Arbeit, das Setting, der Dialog und die Voraussetzungen, die die Begleitung selber (so wird der Therapeut hier genannt), erfüllen muss, werden im Buch ausführlich und nachvollziehbar erklärt.
Das Bewusstsein, sich mit einer neuen Struktur auseinanderzusetzen und viel mehr als nur einer zu sein, verlangt eine grosse offene und ehrliche Arbeit an sich selbst. Darum gehören auch die Integration und das Zurückbinden der neuesten Erkenntnisse und Informationen verschiedener Wissenschaftszweige ins Persönliche, zu den notwendigen Voraussetzungen eines psychologischen Umdenkens.
Kontakt, Begegnung, Beziehung, Austausch, Integration
Schade wäre es nämlich nun, wenn der Neurologe sich nur objektiv auf die Vorgänge der feuernden Nervenzellen als Quelle der Wahrnehmung von sich selbst und der Erscheinung der wirklichen Welt beschränkt. Sie als virtuell entlarvt, wie die überwältigende, Echtheit vortäuschende Wirkung eines hochaufgelösten Computerbildes.
So wie es denn gar allzu beschränkte Psychologen wären, die die innere Welt nur mit Archetypen und Schatten bevölkern, an der sakrosanten Aufteilung der Psyche in Es, Ich und Über-Ich festhalten, oder ihre Methode und Sicht, als die einzig Wahre loben und preisen würden, ohne sich mit ihren eigenen Inneren Personen auseinander setzen zu müssen, die vielleicht noch ganz andere Bedürfnisse haben, etwas ganz anderes wünschen oder fühlen, anstreben oder vermeiden wollen.
Interdisziplinärer Austausch ist möglich, wenn sich Menschen aus verschiedenen Fachgebieten und verschiedenen Kontinenten mit Respekt und Neugier begegnen und sich mit ihrem Fachwissen gegenseitig befruchten und inspirieren.
Die Transparenz des Eisbergs
Im Kern des Buches wird die unantastbare Behauptung der alten Psychologie, dass das Unbewusste nicht direkt und umfassend untersucht werden kann, ins Blickfeld gerückt. Die Selbstverständlichkeit von der Vorstellung der Psyche als Eisberg, dessen grösserer Teil als Unbewusstes unter Wasser ist, erscheint mit Wittemanns Untersuchung, und vor allem mit seiner Methode und Haltung, wie er sich die Arbeit mit der Psyche vorstellt, in einem neuen Licht.
Um eine Vorstellung von dieser anderen Sicht zu bekommen, kann man sich zum Beispiel vorstellen, dass sich der Blickwinkel des Bildes vom Sichtbarem und dem sich unter der Oberfläche Befindlichem, jetzt auf die elementare Konsistenz des transparenten Eisbergs verschiebt. Dieser ist mit dem, ihn umgebenden Element eigentlich identisch und befindet sich ja tatsächlich auch nur in einem anderen Aggregatszustand.
Wittemann beschreibt mit klaren Worten, wie die Psyche im Individuum sich selber gestaltet, ausdrückt und auf welche Weise mit dem Unbewussten, respektive dem ganzen Menschen, in einen angemessenen Kontakt getreten werden kann. Mit einer präzis ausgearbeiteten und respektvollen Dialogführung wird auf eine wertschätzende und ebenso effiziente Art mit den Inneren Personen kommuniziert und Bewusstsein in ein, vor allem zuerst sich selbst schützendes System hineingebracht.
Die zentrale Willenskraft des Individuums
Die Individualsystemik geht davon aus, dass sozusagen in jeder Psyche eine, dem Menschen nicht unbedingt bewusste, zentrale Willenskraft in der Haltung eines nicht mehr bezogenen, enttäuschten, resignierten, manchmal auch rachsüchtigen aber immer machtvollen Neins existiert, das seine geheime Existenz erfolgreich verbirgt. Diese innere Person (es können auch mehrere sein), die dieses Nein trägt, hat sich entschieden, im Verborgenen und aus ihm heraus zu wirken und sich nicht mehr direkt mit den Menschen und der Welt zu konfrontieren.
Bevor dass diese sogenannte „Geheime Machtstimme“ eines, scheinbar mit einem, an der Oberfläche mit einem Ja ankommenden und an innerem Wachstum oder an der Minderung des Leidensdrucks interessierten und engagierten Klienten, den erfahrenen Therapeuten scheitern lässt, muss klar werden, dass wirklich bedeutsame Veränderung nur über das eigene Bewusstsein geschehen kann.
Dies bringt die Notwendigkeit ins Spiel, eigene Verantwortung als Bedingung für sein Handeln und Sein zu übernehmen und das ganze psychische System in den Blick zu nehmen und in eben dieses Licht des Bewusstseins zu tauchen.
Das ökologische, politische, soziale, das kulturelle und religiöse auf der Welt, sowie auch das geistige und psychologische Ungleichgewicht des Individuums selbst, scheint nach den Einsichten beider Autoren in dieser Hinsicht bald unvermeidbar an eine Wegkreuzung zu gelangen. Nicht zuletzt auch in dringlicher Anbetracht dessen, dass wir die Existenz unserer Spezies auf diesem Planeten auch noch über längere Zeiträume hinaus weiter untersuchen und vor allem erfahren können wollen (wollen können).
Eine heikle und anspruchsvolle Entwicklungsaufgabe, die der ganzen Menschheit und damit auch jedem Einzelnen auferlegt wird und die sie auch im Innersten betreffen wird: Nämlich sich selbst entfalten und tiefer kennenlernen zu müssen und unsere zeitlich und räumlich begrenzte physische Existenz an diesem speziellen Ort zu akzeptieren. Dieser Welt, die durch diesen Bewusstseinsprozess paradoxerweise gleichzeitig unsere Heimat und unsere Fremde wird.
Die Dimensionen der Existenz
Die schonungslosen Beschreibungen der Vielfalt von Zeitgeist und Trend, von Profit und Shareholder-Value, von Mega zu Giga, sind tragisch und ernüchternd, manchmal auch erschütternd oder auch erheiternd.
Man staunt, wie es dem Autor gelingt, auf den Punkt zu kommen und er den Leser mit sicherer Hand auf dem Pfad des Erkennens geleitet, ohne ihn je loszulassen. Immer wieder führt er ihn vorsichtig an den Abhang, an die steil abfallende Kante heran. An diesen Ort, wo man den Sog der Tiefe atmet und froh ist, wenn man in seinem eigenen Innern hinter selbstgebasteltem Geländer, das Rauschen und Donnern der grossen Themen des Menschseins aus sicherer Distanz auf ein erträgliches Hintergrundgeräusch reduzieren kann.
Diese Dimensionen, von denen sich die Psyche am Liebsten immer wieder zurück an eine reibungslos funktionierende Oberfläche zurückziehen möchte, sind aber genau die Räume, in denen die persönlichen Beziehungs- und Existenzfelder natürlicherweise gründen.
Oberfläche und Tiefe
Ob in der neuronalen und psychischen Innenwelt, im Pusschlag unseres Herzmuskels oder einfach auf der Oberfläche dieser Erde, stellen wir fest, dass alles Leben in einer synchronen Zeitqualität des Augenblicks fliesst.
Es findet statt und wir proijezieren permanent vergangene Erfahrungen in es hinein. Verändern können wir uns nur in diesem Jetzt, das wie ein Schaumkrönchen auf der Welle entsteht und sogleich wieder vergeht.
Wenn wir auch wissen, dass die wahren Beweger sich in der unergründlichen Tiefe von Hirn und Psyche befinden, müssen wir trotzdem beginnen, von der Oberfläche her hinzuschauen und unsere eigene Wahrnehmung prüfend untersuchen. Wenn wir die, aus diesen Beobachtungen entstehenden Erkenntnisse und Realitäten immer wieder in unser subjektives Denken, Fühlen und Handeln, in die tief erlebte Wahrheit unseres Lebens hinein entlassen, wird es uns immer besser gelingen, angstfrei und uns kontinuierlich autorisierend, in die eigenen Tiefen vorzudringen.
Als Lohn und Lösung für diese Anstrengungen erhalten wir eine Transparenz, die persönliche Hingabe und kraftvolle Selbstbehauptung ganz natürlich zu einer Beziehungsfähigkeit verbinden. Die Frage des persönlichen Willens stellt sich dann vor allem aus dieser Verbindung heraus.
Nur in der Begegnung und der Konfrontation unserer Innenwelt mit der Realität unserer physischen Existenz auf dem Planeten und in unseren ganz persönlichen Beziehungen, werden wir auch eine passende Antwort auf diese zentrale Frage finden.
Was wollen wir wirklich wissen? Und wer in mir ist es, der das will, oder nicht will?
Was wissen wir wirklich?
Der Mensch weiss heute sehr viel über globale und individuelle Makro- und Mikrobewegungen. Und doch weiss er so wenig. Das Potential der Millionen von Hirnzellen, vom Menschen selbst nur zu einem kleinen Bruchteil genutzt, gebiert ein Individuum, welches sich aus einem ganz kleinen Teil, wie in einem Ego-Tunnel gebündelt, aus diesen Unmengen von Informationen jeden Tag neu konstruiert.
Allein durch den Zugang zum Internet und der Illusion, ihr Bewusstsein dadurch ausgedehnt zu haben, ist die Welt noch nicht wirklich bewusster und auch nicht besser geworden, eher arroganter anstatt integrativer. Das Bedürfnis der Zugehörigkeit zu einer Gruppe, einer Gemeinschaft, schliesst immer noch andersdenkende Gruppen und Menschen aus. Tief gelebte Demokratie, auch in mir selbst, ist selten. Das Internet bleibt ein zwar hochkommunikatives, zeitvertreibendes Netz und gibt ein prächtiges Gefühl des interaktiven Dabei-Seins. Ein scheinbar Gemeinsames, ein Phantom von einem Miteinander, das wir zu teilen scheinen, das uns aber noch teilt und trennt, solange der Einzelne sich selber und seine Innenwelt nicht besser versteht und kennt. All dieses Wissen und der Zugang zu einer trotz allem virtuellen Welt, werden ihm dabei nicht viel nützen.
Was wir wahrnehmen bestimmt unser Fühlen, Denken und Handeln. Die wichtigen Entscheidungen für uns selbst werden im Verborgenen unserer Hirnwindungen und in der Tiefe unserer Psyche getroffen. Es ist die zentrale Absicht beider Autoren, Licht in diese neuralgischen Felder im physischen Körper des Menschen zu bringen.
Der Reiseführer
Die Gründe für die heute so vielfältigen Formen von persönlichen und globalen Krisen, das mögliche Scheitern der Beziehung zwischen Menschen (auch zwischen Klient und Therapeut) werden wir also in uns selbst finden. Jeder von uns ist daher aufgefordert, die Gelegenheit zu ergreifen, sich mit einem erfahrenen Begleiter auf die Reise in seine eigene Innenwelt zu begeben und beginnen, sich selber zu verstehen. Der Mensch muss zuerst die Beziehungen in seiner eigenen Innenwelt kennenlernen, sie untersuchen, heilen, entfalten und erlösen.
Das Buch Artho S. Wittemanns eignet sich in diesem Sinne ausgezeichnet als Manual, die eigene Psyche mit der von ihm vorgeschlagenen Sicht zu untersuchen. Es richtet sich nicht nur an interessierte Laien, sondern auch an Therapeuten und psychologisch ausgebildete Fachleute.
Kurzer Auszug aus einer individualsystemischen Sitzung
Solange der Navigator (eine zentrale Innere Person einer Klientin) über Erleuchtung, Beziehung und das Leben als solches fabuliert und philosophiert, produziert er Inhalte.
Die Inhalte dienen einem verborgenen Zweck, den auch der Navigator längst vergessen hat.
Jetzt drehte sich unser Dialog zum ersten Mal um ihn, nicht um seine Inhalte.
Das Was und das Wie haben uns nun tiefer geführt – in Richtung Wer.
B: „Hallo Navigator“
richte ich mich mit kraftvoller Stimme an ihn.
K: „Hallo, Fremder!
Er lächelt zum ersten Mal.
B: „Lass uns gemeinsam weiterreisen, deine Philosophien interessieren mich nicht.“
K: „Das ist ein hartes Wort.“
B: „Nein, Du bist es, für den ich mich interessiere!“
K: „Mich? Ich weiss selbst nicht, wer ich bin. Kann man überhaupt wissen, wer man ist?“
Er versucht es noch einmal.
„Wer bin ich? Das ist die grösste Frage von allen!“
Er will zurück zu seiner bewährten Linie.
Ich gehe mit.
„Warum wir erst anfangen uns selbst zu verstehen“
Die Architektur der Innenwelt
7.Januar 2010