Essays zur systemischen Arbeit mit den Inneren Personen
Marcel Joller Kunz
3 Innenwelten
Gedanken zum Begriff „System“
Als System bezeichnet man die Beziehungen und die Ordnung aufeinander bezogener, ineinandergreifender und zusammen wirkender Teile eines Ganzen. Es existiert eine klare Vorstellung des funktionierenden Ganzen, dem gewisse Gesetzmässigkeiten und eine strukturierte Ordnung zugesprochen wird.
Jedes der Teile hat eine bestimmte Bewegung und Dynamik, und damit auch eine ganz unterschiedliche Aufgabe und Funktion zu erfüllen.
Durch das System fliesst eine bestimmte Menge Energie, die es in Bewegung hält und „lebendig“ macht.
Systemische Arbeit Ist im Kontext der sie umgebenden und beeinflussenden Systeme zu verstehen und besteht in der Untersuchung seiner Teile und eben dieser Umgebung. Es stellt hohe Anforderungen an den Menschen, der das untersuchen will. Voraussetzung dafür ist eine genaue Kenntnis der, dem System zugrunde liegenden Ordnung und der Umgebung, die es beeinflusst. Die untersuchende Person ist ausserdem, solange sie es untersucht, Teil der Untersuchung und muss unbedingt mit ihm in Beziehung gesehen werden.
Viele Glaubensrichtungen, allen voran die fünf Weltreligionen, aber auch die technische und wissenschaftliche Forschung, sowie soziale, psychologische und psychotherapeutische Disziplinen, befassen sich mit den Fragen wie, warum und unter welchen Bedingungen z.B. ein soziales System, eine Gesellschaft funktioniert. Die Definition dieser Zustände oder dieser Dynamik kann sich aber, je nach Hintergrund, Blickrichtung und Standpunkt desjenigen, der definiert, sehr unterscheiden.
Der menschliche Geist und Forscherdrang beschreibt und gibt vor, was es braucht, um ein vollständiges System am Leben zu erhalten und einen gesunden Organismus zu gewährleisten.
Ein politisches Programm glaubt am Besten zu wissen, was nötig ist, um die Bedürfnisse des Einzelnen mit den Bedingungen des jeweiligen Gesellschaftssystems optimal zu verknüpfen.
Man weiss, dass es es von Vorteil ist, wenn die jeweiligen Erkenntnisse systemübergreifend, interdisziplinär und synergetisch im jeweiligen technischen, wirtschaftlichen, kulturellen, sozialen, gesellschaftlichen und politischen Kontext gesehen und genutzt werden können. Dazu gehören auch eine lokale und eine globale Sicht, die miteinander in Beziehung gebracht werden.
Das heutige Wissen der Menschheit über seine Geschichte, über Vorgänge und Einflüsse im Nano- und Angströmbereich, bis hin in die unendlichen Weiten universaler Dimensionen scheint, im Vergleich zu vor 100 Jahren, schnell und nahezu flächendeckend gewachsen zu sein.
Und mitten drin in diesem komplexen, morphogenetischen Kraftfeld, der einzelne Mensch. Jeder eine ganze Welt. Eine Welt im Innen. Eine Innenwelt.
Der Mensch versucht sich immer wieder selber zu er-kennen, ein Selbst zu definieren, ein Ich zwischen Leben und Tod, ein Licht, ein In-mir-drin-Seiender, Aus-mir-heraus-Handelnder, zu sein.
Er hat eine Beziehung zu seiner Innenwelt, die sich gleichzeitig in dauernder Beziehung zur Aussenwelt befindet und ihr antwortet. Er schöpft aus seinem ganz persönlichen Schicksal und einer vagen Ahnung der eigenen Berufung und Bestimmung ins Leben hinaus. Er ist ein soziales Wesen, das versucht, seinen Alltag, seine Innenwelt in Einklang mit dieser Aussenwelt und seinem Wissen darüber, zu bringen. Dieser Welt, die auf der einen Seite immer kleiner und überschaubarer wird, und das Individuum im selben Moment, im Wissen um diese Milliarden von Mit-Menschen und Möglichkeiten, mehr und mehr zu einem kleinen, unwichtigen Zwerg schrumpfen lässt.
Immer wieder blicken wir erstaunt, verwundert, manchmal irritiert, auf das einzelne Individuum. Auf diesen zwar nicht mehr ganz weissen, aber immer noch sehr schwierig zu erschliessenden kleinen Fleck auf der Landkarte der Evolution.
Der Mensch – Das Ungeteilte Wesen?
In-dividuum kann unteilbar heissen, also ganz und ungeteilt. Wir treffen auf die alte Illusion einer alles verbindenen Identität, die als Zentrum wahrgenommen wird. Bevor Kopernikus unsere Erde, als Planet der um die Sonne kreist, zur Randerscheinung einstufte, war sie das Zentrum. Heute weiss man, dass diese Sonne, um den unsere bekannten Planeten kreisen, eine von Milliarden von Sonnen ist, die sich in Millionen von Galaxien befinden, am äussersten Rand einer dieser unzähligen Galaxien ihr Dasein fristet.
Es gibt uns da und wir können gleichzeitig sagen: Es sind viele Ebenen von Bewusstsein möglich. Das ist klar.
Die Einflüsse, die uns als Wesen erreichen, sind so zahlreich, dass wir andauernd wählen müssen, von wem wir welche Informationen, die wir für unser Leben brauchen, entgegennehmen sollen.
Hier stellt sich zuerst mal die Vertrauensfrage.
Vertrauen wächst und schwindet durch das Erfahren im Miteinander und dem daraus entstehenden Gefühl des Selbstvertrauens. Hierarchisches Drillen und Behaupten von Glaubens- und Wissenssätzen, schaffen nicht mehr automatisch Vertrauen wie vor hundert Jahren. In diesem Sinne hat das patriarchalische Diktat ausgedient. Es versucht aber, über das geschickte Manipulieren der individuellen Bedürftigkeit und Selbstüberschätzung, Übersicht, Erfolgsaussichten, Zuversicht und Kontrolle in dieser unübersichtlichen Lage, zu suggerieren. Der Wahn der Überlegenheit ist Gift für das Miteinander und resultiert vielfach aus einem nicht eingestandenen Gefühl der Unterlegenheit, eines Minderwerts, bis hin zur Verleugnung und Verachtung unerwünschter An-Teile der Persönlichkeit.
Mit einer schier unfassbaren, unbegreiflichen Menge von vielen gegensätzlichen Informationen, aus der abhängigen Kindheit in ein selbstbestimmtes Erwachsenwerden hineinzuwachsen, wird für unsere Kinder und Jugendlichen heute immer komplexer und schwieriger. Vertrauen zwischen Menschen wächst nicht selbstverständlich, wie auch das, aus dem Vertrauen zwischen Menschen genährte Selbstvertrauen. Solange die Beziehungen zwischen Menschen und eben auch, in Menschen, nicht geklärt sind, bleibt ein konstruktives und kreatives Miteinander eine Utopie.
Die Verwirrung, Beziehungsunfähigkeit, Überforderung und Unwissenheit der Autoritätsfiguren der Gesellschaft, die trotzdem täglich ihrem unbändigen Drang, Überlegenheit und Allmacht zu demonstrieren, nachgeben, sind der kumulierende Faktor einer nicht mehr übersehbaren Entwicklung.
Darum ist es naheliegend, dass wir für einmal die Blickrichtung umkehren und versuchen auf und in dieses „Un-geteilte“ Wesen Mensch hin- und hineinzuschauen. Wir wollen durch den Blick nach Innen versuchen, mehr Klarheit zu bekommen.
Nicht einfach ein stabiles, festes „Ich“ oder „Selbst“, als Schutz gegen diese nicht mehr zu fassende Aussenwelt zu deklarieren, sondern das Mensch-Sein in einer ähnlich komplizierten, aber dennoch vielleicht menschen-möglicheren Dimension in seiner Innenwelt zu sichten und in Beziehung zu setzen.